Mein persönlicher Weltfrauentag oder wie ich vor 20 Jahren lernte mein Leben zu schätzen

Als ich vor 20 Jahren an diesem 8. März beinahe mein Leben verloren hätte, war mir nicht klar, dass dieser Tag auch gleichzeitig Weltfrauentag war. Heute denke ich: wie passend, denn Frauen haben mein Schicksal bestimmt.

Frauen waren es, die mich damals offensichtlich krank nach Hause schickten. Ich hatte nach längerer Arbeitslosigkeit einen Traumjob bekommen und startete in Mainz meine Karriere als Nachrichten-Moderatorin. Schon am ersten Tag dort war mir schlecht, mein Magen tat weh und ich fühlte mich sehr, sehr krank. Doch anstatt sich um mich zu kümmern, war ich sauer, verärgert über mich und meine Schwäche. Meine Übersetzung lautete: Du hast eine Magenschleimhautentzündung, völlig klar, du bist ja auch so aufgeregt vor dem neuen Job.

Die Schmerzen wurden jeden Tag schlimmer und jeden Tag schickte meine Chefin mich von der Arbeit wieder heim ins Hotel in Mainz. Ich sei grün im Gesicht, ich sähe nicht gut aus, ich solle zum Arzt. Und ich? Spuckte im Hotel, wand mich vor Schmerzen und wollte dennoch so tough sein, dass ich immer wieder kam, wie ein Bumerang, den man nicht loswerden konnte, bis es nicht mehr ging.

Ich werde nie vergessen, wie ich schliesslich im Flugzeug von Frankfurt nach Hamburg von den Stewardessen in den Gang gelegt wurde, weil ich nur noch auf dem Rücken liegen konnte und am Gate mit einem Rollstuhl abgeholt wurde. Es war mir alles so peinlich, ich wollte doch immer nur stark sein.

Meine Weltfrau wurde damals meine Freundin Julia, die ich bis heute an jedem 8. März feiere. Ich hatte damals 2 Freundinnen, die mir immer geholfen hätten, aber aus einem Instinkt heraus, hatte ich die „Richtige“ angerufen. Während die eine wirklich alles getan hätte, um mich nicht zu verärgern, blieb die andere hart, als ich ihr am Flughafen befahl, mich nach Hause zu fahren. Sie bestand darauf das nächste Krankenhaus anzusteuern.

An den Rest erinnere ich mich nur noch vage.

Sicher ist, dass das UKE in Hamburg uns – obwohl ich kaum noch stehen und gar nicht mehr gehen konnte – erklärte, sie hätten keine Zeit und die Wartezeit würde mindestens 6 Stunden betragen.
Sicher ist, dass ich danach im Auto ohnmächtig geworden bin, zumindest sagte das meine Freundin. Sie steuerte ein Krankenhaus an, was sie auf der Strecke zum Flughafen gesehen hatte und brüllte dort die Bude zusammen. Und obwohl man dort keine Notaufnahme hatte und mich auch nicht wollte, schaffte es J. Sie nahmen mich auf, untersuchten mich und brachten mich sofort in den OP. (Verrückterweise waren es zwei Frauen, die mich operierten und eine AnästesistIN.. Wir hielten danach über Jahre Kontakt.)

Aufgewacht bin ich auf der Intensivstation. Ich hatte einen Blinddarmdurchbruch mit dem ich tagelang durch die Gegend gelaufen war, der Eiter hatte sich schon im kompletten Bauchraum verteilt und jede weitere Minute hätte mein Tod sein können.
Ich brauchte Wochen und Monate, um dieses Trauma zu verarbeiten und ich bin nicht einmal sicher, ob ich es bis heute verarbeitet habe, denn selbst jetzt beim Schreiben fühlt es sich schwierig an.

Warum? Weil ich – und da wären wir wieder beim Weltfrauentag – verstand, dass ich so sehr „meinen Mann stehen wollte“, dass ich beinahe mein Leben verloren hätte. Ich wollte tapfer und stark und toll sein und hätte am Ende nichts mehr davon gehabt.

Heute sitzen meine beiden tollen Töchter neben mir und sind auf dem Weg zwei authentische und furchtlose Frauen zu werden und ich gebe mir viel Mühe ihnen beizubringen, dass man auf seinen Instinkt hören muss und das nichts wichtiger ist als Gesundheit.

Meine Kinder wissen, dass meine Freundin Julia auf IHREN Instinkt gehört hat und lieben sie dafür, so wie ich auch.

Ich bin so dankbar für diese 20 Jahre, die mir zusätzlich geschenkt wurden und in denen ich aufgrund dieses Schlags so viel gelernt habe ( es kamen natürlich noch viele weitere dazu, einige gesundheitliche resultierten aus dem Blinddarmdurchbruch – ALLE haben mich vorangebracht)

Und heute an diesem Weltfrauentag 2021 sitze ich hier und lese all die schönen, berührenden, mutigen Geschichten über Frauen, die immer noch dafür kämpfen MEHR gehört zu werden und sich WENIGER beweisen zu müssen.

In MEINEM Leben ist JEDEN Tag Weltfrauentag.
Ich muss mich nicht mehr beweisen und steuere keine Karriere mehr an.
Aber ich habe noch viel vor mit all den klugen und weisen Frauen um mich herum. Das Leben geht jetzt erst richtig los! Mit 50 ist erst die Hälfte rum. Mit der Frau von damals, die kurz vor ihrem 30. Geburtstag stand habe ich nicht mehr viel gemeinsam. Manchmal erscheint es mir völlig fremd, wer ich damals war und vor allem sein wollte. Aber auch das gehört zum Leben dazu. Alle Facetten einzusammeln, zu leben, zu akzeptieren und weiterzumachen. Heute bin ich glücklich, ich hoffe ihr alle seid es gerade auch. Ungeachtet von Corona und allen Problemen, die die Welt gerade hat möchte ich heute einmal mit dem Zitat eines tollen MANNES enden, der mich immer wieder aufrichtet, wenn ich mich verliere.

Eckhart Tolle:

Zeit ist überhaupt nicht kostbar, denn sie ist eine Illusion. Was dir so kostbar erscheint, ist nicht die Zeit, sondern der einzige Punkt, der außerhalb der Zeit liegt: das Jetzt. Das allerdings ist kostbar. Je mehr du dich auf die Zeit konzentrierst, auf Vergangenheit und Zukunft, desto mehr verpasst du das Jetzt, das Kostbarste, was es gibt.

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