Vorsicht mit Perspektive oder Perspektive mit Vorsicht?

Inzwischen werden Bund- Länder Treffen zu Corona schon zu einer Art Slapstick. Immer dabei der redegewandte Markus Söder, von dem das Zitat in der Titelzeile ist, mit einer deutlich zurückhaltenden Kanzlerin, oft auch unser Gesundheitsminister, gestern mit Berlins regierendem Bürgermeister, Müller. Jeder redet und jeder redet ein bisschen anders und ordnet es anders ein und denkt dazwischen nach und verbessert sich noch einmal und ach jaa ihr armen Mitbürger ihr tut uns ja auch so leid, aber wir können nicht anders.

Wenn man während dieser Pandemie einmal ins französische Fernsehen zu Emanuel Macron umgeschaltet hat, weiss man wie unterschiedlich das laufen kann. Wird in Frankreich eine stets zu den Hauptnachrichten stattfindende Pressekonferenz angekündigt, dann ist das Volk vorbereitet: Es wird etwas angekündigt, etwas was nicht angezweifelt wird, sondern ab da felsenfest steht. Hinter ihm die französische Flagge, begrüsst er seine „Chers compatriots“ (und natürlich auch die weiblichen), spricht etwa 20 Minuten staatstragend, danach erklingt die Marseillaise und man hat fast Mühe zu Hause vor dem Fernseher nicht aufzustehen und dem Ganzen den entsprechenden Respekt zu zollen, so gross ist das und klar und man möchte fast vergessen, dass dazwischen noch härtere Massnahmen angekündigt wurden und immer noch kein Franzose in seine geliebten Restaurants darf oder abends raus oder was auch immer. Ich bin jedes Mal wieder hingerissen, wie dieser kleine, etwas schmächtige und blasse Mann es schafft, sein Land auf Linie zu halten.

Aber halt, vielleicht ist es gar nicht Macron, sondern einfach nur das zentral regierte Land?

Wir haben eine Bundeshauptstadt und dann dieses wunderbare, in der Pandemie unglaublich negativ erprobte System des Föderalismus, in dem jedes Land Dinge selbst entscheiden will und darf. Eigentlich sind wir gar nicht Deutschland – wir sind Sachsland, Thüringland, Bayernland, das Schwabenländle, das Saarland (ha!), Mac-Pom-land und so weiter und so fort. Will man sich also als gesetzestreuer Bürger auskennen, empfiehlt es sich nicht auf Bundeswebseiten zu gehen, sondern auf die Webseite des entsprechenden Landes: Nichts genaues weiss man nicht, ändert sich auch jede Woche, aber glauben Sie auf keinen Fall nur der Bundesregierung: es entscheidet das Land.

Wie man unschwer erkennen kann, habe ich die Nase ziemlich voll, also bleibt nur noch Spott. Um uns herum verkümmern die Kinder, die Wirtschaft liegt allmählich am Boden, Rentner warten und warten auf eine erste Impfung ohne, dass etwas passiert, aber seit gestern wissen wir:

DIE FRISEURE ÖFFNEN!

Ist es nicht genau das, worauf wir alle gewartet haben? Sitzt erst unser Haar, kann uns auch die Mutation nichts mehr anhaben. Ganze Kinderscharen haben wieder eine akkurate Frisur und sind nicht mehr so einsam wie vorher. Rentner, die sich seit einem Jahr nicht raustrauen, können eine Videoschalte zum Friseur beantragen und sich zeigenlassen, wie sie ihr Haar selber schneiden. Abiturienten können sich vor einem Abi, von dem sie nicht wissen, wie es aussehen soll, nach Monaten ohne Unterricht eine pinke Proteststrähne färben lassen und ach Mensch, warum hat eigentlich niemand gestern die Kanzlerin gefragt, ob auch die Hundesfriseure öffnen dürfen? Das hat doch sicherlich ebenso enorme Auswirkungen auf uns wie der Friseurtermin. 10,4 Millionen Deutschen haben einen Hund, das hat doch Wichtigkeit, Herr Söder, Frau Merkel!

Ich für meinen Teil habe fertig! Mit diesen Entscheidungen, die keine sind und uns weiter in Ratlosigkeit zurücklassen. Warum nicht einfach sagen wie es ist? Alle 2 bis 3 Wochen eine Ansage: nein die Zahlen sind noch nicht ok, die Mutation ist nicht einschätzbar, weitermachen, die Impfungen vorantreiben und dankbar sein, dass wir noch keine Ausgangsperren haben.

Gestern sagte mein spanischer Osteopath zu mir, „irgendwann wird alles gut und so schlecht ist es hier doch nicht, das Schlimmste ist doch, was mit der Wirtschaft und den menschlichen Schicksalen dahinter passiert.“ S. hat seine Eltern seit einem Jahr nicht gesehen. Sie leben in einem Dorf an der spanischen Küste, das immer noch abgeriegelt ist, keiner kommt raus und keiner rein, seit Monaten. Es würde mich interessieren, wie sie die Debatte darüber finden, wann die Friseure öffnen, aber ich fürchte sie würden einfach nur lauthals lachen oder mich für verrückt halten…

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