Warum ich mich auf einmal mit dem Tod und dem Sterben auseinandersetze und das in meiner Familie auf wenig Begeisterung stiess

Der Platz, den ich für meine Asche ausgewählt habe, der Starnberger See bei München

Neulich habe ich meine Familie leicht verstört, weil ich Ihnen dringend erklären musste, wie ich beerdigt werden möchte. Grundsätzlich schiebe ich in diesen Zeiten gerne ALLES auf Corona, aber in dem Fall war ein kleines Buch schuld, das ich mir und anderen zur Weihnachtszeit geschenkt hatte.

Ein Führer durch die Rauhnächte.

https://www.hugendubel.de/de/buch_kartoniert/annett_hering-die_rauhnaechte_im_fluss_der_zeiten_ein_workbook_fuer_die_12_heiligen_naechte_mit_viel_raum_fuer_eigene_notizen-38194910-produkt-details.html?internal-rewrite=true

Nicht nur, dass ich laut Buch täglich räuchern sollte, was ich angesichts all unserer Brandmelder und zweier Kinder, die nicht mit Feuer spielen sollen, dann doch gelassen habe, aber in dem Buch ging es Tag für Tag auch darum, sich mit bestimmten Themen auseinanderzusetzen.

Einen Tag verzieh ich meinen Ahnen und meditierte darüber, wofür ich Ihnen dankbar bin und was sie bei sich behalten durften und den anderen Tag bedankte ich mich bei den Menschen, die in diesem Jahr besonders gut zu mir gewesen waren. Das Buch war insgesamt eine ziemliche Herausforderung, da all die Themen, die man bearbeiten konnte oder durfte, locker 12 Stunden am Tag in Anspruch genommen hätten. Dummerweise ist das aber für eine Frau in den Tagen vor Weihnachten nicht umsetzbar. Während ich also an meine Ahnen dachte, schleppte ich Getränkekisten von der Metro heran, bestellte Baguette beim Bäcker und sehnte mich nach tieferen, ruhigen Momenten, um das alles wirklich an mich heranzulassen und nicht einfach nur abzuhaken. Manchmal war ich gerade da wo ich sein sollte, da rief eines der Kinder ich solle SOFORT ihr Handy entsperren, manchmal war es eine der Katzen, die sich mit meiner neuen Spiritualität nicht anfreunden konnten und verzweifelt versuchten Wasser aus dem neuen Dampfzerstäuber zu lecken, dessen Weihrauchgeruch mich eigentlich auf grosse Ideen bringen sollte.

Es kam Tag 5 oder war es 6 mit der Aufgabe sich vorzustellen, was wäre, wenn ich in einer Woche, einem Monat oder einem Jahr sterben würde. Bis zu diesem Punkt hatte ich diese ganzen Rauhnächte einfach toll gefunden. Jeden Nacht verbrannte ich einen Wunsch draussen, der direkt zur Erfüllung ans Universum geschickt wurde. Ich dachte viel nach über dieses seltsame und schwierige Jahr und beschäftigte mich jeden Tag damit, dass dieser eine Tag für einen bestimmten Monat im kommenden Jahr stehen sollte.

Alles bis zu diesem Tag mit dem Tod.

Denn nicht nur, dass ich am liebsten gar nicht darüber nachdenken wollte, ich merkte auch, dass im Prinzip NICHTS mehr aus meinem Leben wichtig wäre. All meine Ideen, wie ich noch einmal arbeiten würde, in welchem Beruf, wie oft in der Woche ich Yoga einbauen könnte oder ob ich die 6 Kilo plus aus Corona Zeiten wieder loswerden würde….waren EGAL.

Nur zwei Dinge waren da in meinem Kopf: zum einen, ob ich Liebe um mich herum hätte in diesen Wochen oder Monaten, also echte, wahre Liebe, die man spürt, die nichts fordert und nichts braucht, einen einfach nur umhüllt und sicher fühlen lässt, damit ich in meinen letzten Tagen wirklich ganz ich selbst wäre UND dann war da noch meine Liebe zur Natur.

Jeden Tag würde ich mir – ungeachtet aller Pflichten-, die ja dann nicht mehr wichtig wären, einen grossen Moment Natur gönnen. Ich würde riechend und staunend durch den Wald laufen, mich ins Gras legen, würde in einem einsamen See schwimmen und staunen, was die Welt uns geschenkt hat. Ich würde versuchen, es nicht zu sehr zu bereuen, wie oft ich diesen so wichtigen Punkt übersehen habe und mit all meinen Sinnen geniessen. Ich würde noch einmal das Geräusch von Kuhglocken auf der Alm geniessen und das berauschende Gefühl nach einer anstrengenden Wanderung oben am Gipfel angekommen zu sein.

Ich weiss nicht einmal, ob ich meinen Kindern irgendwelchen langen Video- Abschiedsbotschaften schicken würde. Es existieren seit wir Handys haben so viele Filme von mir, dass ich nicht glaube, dass mich jemals jemand vergessen würde, ob er will oder nicht. Was ich hoffen würde, ist, dass meine Seele längst in ihren Abdruck bei den Kindern hinterlassen hat und sie sich nicht an eine gestresste, zu perfektionistische Mutter erinnern, sondern an einen Menschen, der das Leben liebt.

Als ich mit all diesen Gedanken durch war und mir vieles in diesem wunderbaren Buch notiert hatte, war mir ganz schön schwer ums Herz. Niemand will sterben, ich natürlich auch nicht, aber dieses Auseinandersetzen mit dem Tod macht so viel mit einem, gerade in diesen Zeiten, in denen ich täglich Angst habe, meine Mutter könnte krankwerden und ich sie nicht mal im Krankenhaus besuchen dürfen. Aber ich schweife ab, was ich eigentlich sagen will ist: ich beschloss ein für allemal festzulegen, wie ich beerdigt werden will.

Als ich den Kindern erklärte, dass ich NIE und in KEINEM Fall auf den Friedhof wollte, sondern verbrannt werden möchte, waren sie erst einmal empört. Verbrannt klingt ja auch irgendwie eklig in jugendlichen Ohren. Aber erstens will ich nicht in einen Sarg unter die Erde und zweitens möchte ich auch nicht, dass man mein Grab besucht. ich möchte, dass man sich an mich erinnert, weil man ein Foto siehst oder meine Stimme auf einem Film hört oder jemand ähnlich lacht oder was auch immer.

Nachdem der Verbrennungsschock erledigt war, durfte ich den Rest auch noch loswerden: alle für mich wirklich wichtigen Menschen sollten sich an einem schönen Tag am Starnberger See an einem Steg treffen. Mit einem Glas bayerischen Bier in der Hand und den Blick auf die Berge gerichtet dürfen sie meine Asche über diesen wunderbaren See streuen und wissen, dass mich das glücklich macht. Mit diesen durchaus positiven Gedanken schloss ich meinen Wunsch ab und sah in ein paar befremdete Gesichter.

Schnell wechselte ich das Thema und dachte, ich probiere es in ein paar Jahren nochmal. Irgendwann werden sie es verstehen, so wie ich es erst als junge Erwachsene verstanden habe, warum meine Mutter die Musik aus Jenseits von Afrika zu ihrer Beerdigung hören will. Mein Mann jedenfalls weiss Bescheid und scheint einverstanden. Nun muss ich aber erstmal wieder leben und die Rauhnächte im kommenden Jahr noch einmal neu angehen.

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