Über das tägliche Durchkommen in der Phlegmanie oder heisst es Pandemie?

Es dauert gar nicht mehr lange und wir dürfen den ersten Jahrestag der Corona Pandemie begehen. Warum ich dieses neutrale Wort benutze? Naja normalerweise feiert man Jahrestage, diesen wohl kaum.

Zeit für ein kleines Pandemie Resumée: Im Falle meiner Kinder wäre das ein übergrosses Covid-Phlegma. Je länger das Ganze dauert, desto schwieriger wird es, sie physisch und geistig in Bewegung zu halten. Ist der Online Unterricht morgens erst einmal beendet, ist für beide der Tag auch so gut wie vorbei. Keine weiteren Ziele, keine Ideen, keine Sehnsüchte…ausser online sein. Das Corona Virus hat uns online infiziert. Was Erwachsene wie mich zurück zum Lesen gebracht hat, oder zum ewigen Spazierengehen (auch so ein Phänomen der Krise: da draussen waren noch nie so viele Menschen unterwegs ), treibt die Kinder an die Geräte. Und so negativ es scheint, so verständlich ist es auch. Kinder brauchen ein soziales Leben und wenn es das nicht mehr gibt, so erschaffen sie sich diese Welt anders.

Natürlich probiere ich es immer wieder mit Angeboten und Verboten und vielem mehr. Momentan werden Geräte erst dann wieder herausgegeben wenn die Kinder minimum eine halbe Stunde an der Luft verbracht haben. Meine grosse Tochter fragte mich daraufhin trocken, ob es eventuell reichen würde, dass sie ihr Fenster öffnen würde. Sie war nie sonderlich begeistert von Menschen, während der Pandemie hat sie ihr Interesse an ihnen weiter eingeschränkt.

Die kleinere Tochter geht gerne raus, aber natürlich nicht allein. Mit mir auch nicht (peinlich) . Aber Freunde treffen? Geht nicht. Also bummelt sie ihre Zeit draussen ab und lässt ihren Frust auf unserem neu erworbenen Boxsack im Keller ab.

Vergangene Woche waren wir meinen Mann in Frankreich besuchen. Jedes Land hat sein eigenes Pandemie Dasein und so fanden wir uns Nachmittags in offenen Geschäften wieder und genossen das muntere Pariser Treiben, zwar ohne Restaurants und Cafés, aber dafür waren wir stundenlang draussen und unsere Laune stieg erheblich an. Stressig wurde es dann gegen 17.30, wenn tout Paris in die Läden rannte, um noch schnell etwas zu essen zu besorgen, bevor um 18 Uhr das „couvre feu“, die Ausgangsperre startete und alle zu Hause sein mussten.

Zurück in Deutschland befinden wir uns nun in Quarantäne und unser „Rausgehen“ beschränkt sich auf den Garten, da will natürlich keiner hin und es hilft auch nicht wenn ich zum hundertsten Mal erkläre, wie gut es den Mädchen geht, dass sie so einen tollen Garten haben, während andere maximal auf den Balkon können.

Eine willkommene Ausrede also für alle unser Pandemie Phlegma noch bis zur Unkenntlichkeit auszuweiten und in dieser Disziplin liegen die Kinder eindeutig vorne. Frage meiner kleinen Tochter gestern: darf ich mein Zimmer umräumen? Ich total begeistert: Ja !!!gerne!!!, wie schön, dass du kreativ wirst!!!! Als ich eine halbe Stunde später in ihr Zimmer kam, sah das Szenario so aus: Überall lag Dreck rum und inmitten all der Bilou Sprays, CDs, Fotos und Lichterketten lag meine Tochter auf dem Bett. Auf einem Computer lief eine Serie, neben dem Computer stand ein Handy, auf dem eine Freundin live zugeschaltet war, um genau diese Serie zeitgleich mit anzusehen. Leben in der Pandemie. Definitiv ein Buch wert, wenn es noch ein paar Monate dauert.

Während die Kinder also Serien rauf und runterschauen und das derzeit überall so beliebte Spiel „Among us“ spielen, amüsiere ich mich zum Beispiel über so wunderbare Blogs, wie den des Zeit Magazins. Jeden Tag hebt er mich aus meiner leicht angegrauten Alltagsatmosphäre und gibt mir das gute Gefühl, dass da draussen noch eine Welt voller Esprit, Klugheit und Perspektive existiert. Heute zum Beispiel stiess ich über eine Wakeboarderin, die dort vorgestellt wurde auf einen berauschend schönen Podcast von der britischen Verhaltensforscherin Jane Goodall. Sie ist inwischen 86 und macht etwas, was wir eigentlich alle JEDEN Tag tun sollten, sie verbreitet Hoffnung. Mit ihrer wunderschönen britischen Stimme erzählt sie davon, wie sie in Wales aufwuchs und schon früh lernte, dass es immer Hoffnung gibt und dann kommen viele, besonders schöne Geschichten, die uns Mut machen (sollen). Obwohl ich eigentlich kein Podcast Fan bin, werde ich das jetzt öfter hören. Meditation ist nichts dagegen. ihre Geschichten berühren mich tief und zeigen mir, dass wir mit unserer eigenen Einstellung so viel in dieser Welt verändern können, nur anfangen müssen wir und natürlich verstehen, dass wir es KÖNNEN und nicht immer darauf warten, dass es ein anderer tut.

Ein bisschen neidisch bin ich auf ihren BlogNAMEN. Statt Podcast, heisst er HOPEcast. wieder so eine Idee, die ich nicht hatte. Mist! Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf…:-))

Für meine Kinder hatte ich übrigens ähnlich gute Absichten und hatte ihnen die Zeitschrift Fluter, ein Magazin für politische Bildung abboniert. Alle drei Monate bringen sie es kostenlos heraus und schicken es einem. Gerichtet ist es an – politisch und gesellschaftlich interesssierte Jugendliche, die …naja ihr Wissen eventuell nicht nur aus Tic Toc beziehen wollen.

grossartiger Artikel über Fake news übrigens (deswegen die Pinocchio Nase)

In der ersten Ausgabe, die wir bekommen haben ging es zum Beispiel, um Transgender sein, ein Mädchen, das ein Junge werden wollte, aber nach viel Mühen doch wieder mehr oder weniger ein Mädchen war. Komplizierte Gefühle, die aber sehr gut beschrieben wurden. Ich war mir sicher, dass es meine ältere Tochter interessiert, nachdem sie sich noch eine Woche zuvor mit meinem Mann am Esstisch über die Frage gezofft hatte, ob wir dieses ganze Transgender Ding in unsere Alltagssprache aufnehmen müssen oder nicht.

Wie auch immer, der Artikel war ihr offenbar zu lang. Bei Tic Toc gehts kürzer und in Videoformat. Ebenso spannend war der Artikel über einen ehemaligen KZ Wächter. Sein Enkelkind hatte ihn immer für den lieben, harmlosen Opa gehalten, bis es eines Tages herausgefunden hatte, WER sein Opa wirklich war. Leider war auch dieser Artikel zu lang. Ich lese diese Artikel natürlich alle, die Kinder leider nicht.

Früher – vor Corona – las meine Tochter dicke Bücher, heute muss alles im Clip Format sein. Ich werde der Zeitschrift Fluter schreiben, ob sie einen Account bei Tic Toc starten können. Irgendwie muss man doch den Kindern zeigen, dass es noch differenziertere Meinungen gibt, als die einer 15 -jährigen Beaty Influencerin, die sagt, dass sie Putin cool findet.

Soweit also mein kulturelles Kindergemecker. Irgendwann habe ich sie soweit, das weiss ich und das Prinzip heisst auch da: HOFFNUNG. Womit wir noch einmal bei dem wunderbaren Hopecast von Frau Goodall wären. Wenn es eines ist, was mir diese seltsame, aber auch segensreiche Pandemie in den vergangenen Monaten gelehrt hat, dann ist es, dass wir die Hoffnung NIE aufgeben dürfen. Nicht auf ein Ende der Pandemie und auch nicht bei familiären oder gesundheitlichen Problemen und schon gar nicht, was den Zustand unserer Welt betrifft. Jeder auch nur noch so kleine Funke hoffnungsvoller Energie hilft diesen Planeten am Leben zu halten und unseren Kindern klarzumachen, dass es Hoffnung gibt.

Mein – ich träum mich positiv Trick – ist übrigens, mir alle paar Tage ein besonders schönes Bild auf mein Handy hochzuladen. Da man sein Handy permanent in die Hand nimmt, erscheint dann immer ein Bild, was mich daran erinnert, wer ich wirklich bin oder was mir besonders gut tut.

Diese Woche ist es das:

weitere Erklärungen unnötig, oder? So viel Frieden und Schönheit, ich liebe es

So und nun muss ich die Kinder antreiben – zu was auch immer. Antreiben ist mein neuer Job. Schafft leider extrem schlechte Energien, aber muss sein.

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