Der Zug der Fische – ein Bilderbuch für Erwachsene

Von Zeit zu Zeit schickt mir der Hamburger Carlsen Verlag eine kleine, ausgewählte Blogger Kiste. Manche Bücher lesen meine Kinder für mich und manche lese ich sie und schreibe darüber. Diesmal habe ich ein Bilderbuch gewählt, das auf den ersten Blick aussah, wie etwas für die Kleinsten, aber nachdem ich es gelesen hatte, würde ich es eher uns „Grossen“ empfehlen.

Die Geschichte hat mich sehr bewegt. Sie handelt von einem Kind, das völlig auf sich alleingestellt leben muss. Marika, so heisst das Mädchen, lebt in einem ukrainischen Dorf und sammelt Blaubeeren, die sie auf dem Markt verkauft. Nur zwei Mal im Jahr hört sie von ihrer Mutter. Zu Weihnachten und zum Geburtstag kommen Briefe an, mit wunderschönen Briefmarken, Marikas ganzer Schatz. Seite um Seite erlebt man den Alltag dieses Mädchens, das sich gemeinsam mit ihren Freunden mehr oder weniger allein durchs Leben schlägt. Regelmässig kommt dank Western Union Geld an, von der Mutter, die weit weg in Italien arbeitet. Aber Marika wäre es lieber ihre Mutter wäre da und sie würde genug Blaubeeren finden, um davon leben zu können und dafür nicht allein zu sein. Und so werfen sie und ihre Freunde irgendwann die Geldscheine in den Fluss, sie schreiben auf das wertvolle Geld Botschaften für ihre Eltern, die sie so sehr vermissen . „Komm zurück!“ steht auf fast allen drauf und die Kinder hoffen, dass es der Fluss bis zu ihnen trägt.

Das Buch ist ein trauriges Buch. Es lässt einen nachdenklich zurück, denn es handelt von einer Geschichte, die kaum je erzählt wurde uns aber alle betrifft. Wir Europäer lassen uns im Alltag von diesen Müttern und Vätern helfen. Von den „Polen“ oder den „Rumänen“ oder den „Ukrainern“, die billig unser Haus putzen oder malern oder gute Handwerker sind. Sie arbeiten als Erntehelfer, Paketzusteller und Altenpfleger. Doch was aus ihren Familien zu Hause wird, weiss kaum jemand.

Im Anhang des Buches wird es erklärt:

Diese Kinder haben einen Namen, sie heissen Eurowaisen, so wurden sie erstmals in Polen bezeichnet, jeder kennt dort den Begriff. Denn Polen war unter den ersten Ländern, in denen Kinder in grosser Zahl ohne ihre Eltern aufwuchsen, weil ihre Eltern im Westen arbeiteten. Paradoxerweise gibt es ausgerechnet jetzt, in Friedenszeiten die wohl grösste Anzahl an „Waisenkindern“ in der Geschichte Europas. Die offenen Grenzen, der Frieden und Wohlstand in Europa, hat dieses traurige Phänomen hervorgebracht. Schätzungen gehen von über 1 Millionen Kinder aus, die ohne ihre Eltern aufwachsen.

Das Buch hat völlig zu Recht den Hamburger Bilderbuchpreis gewonnen. Ob es etwas für kleine Kinder ist, weiss ich nicht. Ich würde es eher meinen Grösseren zeigen, um sie dafür zu sensibilisieren, dass sie zwar über Begriffe wie Fair Trade in der Schule informiert werden, dass es aber auch einen Preis dafür gibt, wenn Kinder ohne ihre Eltern leben müssen.

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