Da sind wir wieder, es geht los! Mal sehen, wie lange…

Donnerstag 6.August. Schulanfang in Hamburg. Normalerweise ein Tag wie jeder andere, nicht aber in diesem Jahr. Meine Kinder waren bis auf wenige Ausnahmen seit Februar zu Hause, ich fühle mich gehetzt, wenn jemand nur eine Kleinigkeit von mir will, immer war ich ansprechbereit, mein Job als schlechte Haus-Lehrerin verhinderte so ziemlich alles, da meine Kleinere selbständiges Arbeiten noch nicht gewohnt war.

Dieser Blog sollte längst weiter entwickelt sein, ich wollte mir Zusatz-Ausbildungen angucken, die ich machen wollte und vieles mehr, aber Corona war und ist unser Lebensmittelpunkt. Selbst jetzt, während ich diese Zeilen schreibe, beeile ich mich. Irgendwie sitzt dieses Gefühl immer im Nacken, dass gleich jemand verkünden wird: LOCKDOWN, die zweite Welle ist da, alle bleiben wieder zu Hause und was das wirklich bedeutet ist mir in unseren wirklich schönen und friedlichen Sommerferien bewusst geworden:

Unsere Kinder haben sich verändert: Meine grosse Tochter empfand es zwischenzeitlich als „stressig“ Menschen zu treffen, brauchte regelmässig Rückzug. Meine Kleine spricht von 2020 als dem schlimmsten Jahr ihres Lebens und selbst wenn ich mich noch so bemühe für Spass und Ablenkung zu sorgen: Die sozialen Medien verhindern es. Es gibt keine Leichtigkeit für Kinder zwischen 10 und 14 mehr, alles prasselt auf sie ein. Früher machte man einfach den Fernseher oder das Radio aus, um Kinder zu schützen, heute lauert die Überforderung überall. Tik Tok, früher Musical-ly ist das Twitter der Kinder. Eigentlich eine Plattform für Musikvideos und Tänze und Darbietungen, darf dort inzwischen jeder posten, was ihm in den Sinn kommt. Meine Tochter informiert mich darüber, dass Britney Spears von ihrem Vater gefangengehalten wird und dass sie es schaffen werden, sie zu befreien. Ebenso wollen sie Trumps Wiederwahl verhindern. Wir Erwachsenen hätten keine Ahnung, aber dank TIKTOK wüssten sie, die Generation „Z“ ALLES. Auf Tik Tok passiert in einer Stunde so viel wie auf dem ZDF in einem Jahr. Nur wie sollen Kindern das filtern, wenn schon die Realität anstrengend genug ist?

Michelle Obama sprach in einem Interview darüber, dass sie „leichte Depressionen “ bei sich diagnostiziert hätte – nach diesem Jahr. “ Es sei erschöpfend, wenn Schwarze entmenschlicht, getötet oder falsch beschuldigt würden, Der aktuelle US Präsident trage zu ihrem Missmut bei, so Obama in ihrem übrigens sehr hörenswerten Podcast.

Und all das bekommen auch die Kinder ungefiltert mit. Als Trump dieser Tage TIK TOK schliessen wollte, brach ein Millionenfacher Shitstorm auf ihn los. Natürlich will Trump nicht all die kleinen und grossen Kinder da draussen schützen, sondern nur sich selbst und seine eigenen Interessen. China, sein derzeit grösster Hass-feind betreibt die Plattform, die seinen Wahlkampf gefährden könnte.

Und so kann es dieser Tage passieren, dass ich mit meinen Kindern über so viele Themen diskutieren muss, wie ich sie selbst zu Nachrichtenzeit nicht parallel besprochen hätte. Warum wählen die Amerikaner Trump? (netter Gossip am Rande, das neueste Schimpfwort meiner Grossen an die Kleine ist : „du Trump!“), was ist Bipolar (Kim Kardashian, hatte zuvor erklärt, dass ihr Mann Kanye West, der ja sinnigerweise auch US Präsident werden will diese Störung hat), warum werden Schwarze in Amerika getötet, kann das bei uns auch passieren? Warum demonstrieren Menschen in Deutschland ohne Maske und rasten aus? Warum, warum, warum? So viele Fragen, auf die ich nicht immer eine Antwort habe.

Heute Morgen startete unser Tag damit, dass mir meine grosse Tochter auf ihrem Handy die Bilder aus Beirut zeigte. Sie ging wirklich ernsthaft davon aus, ich hätte diese noch nicht gesehen, weil sie die nur auf TIKTOK hätten. Manchmal macht mich dieser Wechsel aus Ernsthaftigkeit und Naivität völlig platt. Zum einhundertsten Mal erklärte ich Ihnen, dass es besser sei Nachrichten zu gucken, wenn sie wirklich wissen wollten, was dort passiert ist und danach mit uns zu sprechen. Das sei sicherer und besser erklärt, als wenn irgendwelche Videos gepostet werden in denen Glassplitter und Menschen durch die Gegend fliegen. Meine kleine Tochter war ganz still und fragte: „War das eine Atombombe?“ Was für eine Frage heute am Jahrestag von Hiroshima, es gäbe so viel dazu zu sagen, aber stattdessen sagt man: “ nein keine Atombombe, ich erkläre es euch später, jetzt hopp hopp in die Schule und Masken nicht vergessen…!“

Als beide weg waren, habe ich inmitten meiner zwei streitenden Katzen erst einmal einen Café getrunken und mich innerlich darin bestärkt, dass sie trotz all dieser Widrigkeiten dennoch glücklich werden dürften. Als ich in ihrem Alter war empfand ich die Welt auch als unsicher und als Bedrohung: Die Bäume starben (und sind heute immer noch da), die Angst vor einem Atomkrieg war da (er kam ein Sehe nicht),, es gab das Wettrüsten. Jede Generation musste mit grossen Ängsten kämpfen, vielleicht gehört das zum Grosswerden auch dazu. Nur hätte ich es mir für die Kinder ein wenig leichter gewünscht..

Aber kommen wir zurück zu diesem heutigen Tag und der ewigen medialen Frage: sollen die Kinder wieder zur Schule gehen?

Will man sich diese Frage aus psychologischer Sicht wirklich noch stellen?

Ja, ich finde die Kinder MÜSSEN zur Schule, denn es ist der Ort, wo sie ihre Freunde treffen, sich austauschen ( ohne TIKTOK). Bei aller Corona Gefahr können die Kinder nur dann ihre Sorgen loswerden, wenn sie auch noch andere Instanzen haben: Lehrer, Kinder, Sport. Diese Normalität gibt ihnen Halt für die Dinge in der Welt, die dennoch passieren, aber dann besser auszuhalten sind. Sie brauchen Religion und Kunst und Musik und Mathe, um ihre kleinen, vor Gedanken rauchenden Köpfe auf Dinge zu lenken, die sie ablenken. Sie wollen mit ihren Schulkameraden über Lehrer lästern und jung sein. Und ich werde das fördern so lange es geht und jeden Tag darum bitten, dass keine 2.Welle kommt.

Für morgen hat eine befreundete Mutter Tickets fürs Freibad besorgt. 32 Grad sollen es in Hamburg werden. Spontan dorthin gehen gibt es nicht mehr, aber was solls, dann machen wir es eben geplant. Meine Grosse geht zum Reiten und ich freue mich, dass beide einen weiteren „normalen“ Tag haben werden. Denn das ist es, was für die Kinder zählt und momentan gibt es kaum etwas Wichtigeres.

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