Mein Leben mit den Kardashians

Wenn ich schreibe, dass das Leben unter Corona wundersame Stilblüten treibt, dann ist das noch untertrieben. Dinge passieren, von denen ich nicht mal gedacht hätte, dass ich sie jemals hier zulassen würde. Seit Neuestem gucken meine gelangweilten Kinder gerne Fernsehen, das andere beobachtet. Zu dicke Menschen, die sich abmühen dünner zu werden, Stars, die verzweifelt versuchen zu kochen oder Stars, die im Dschungel Maden essen, um endlich wieder berühmt zu werden. Alles Sendungen, die auf meinem Index ganz oben stehen und die wegen erhöhter Corona Langeweile inzwischen erlaubt sind. Jahrelang dachte ich Yakari der kleine Indianerjunge könnte mich kaum noch mehr nerven oder Conni, ein kleines einfältiges Mädchen, die angeblich stellvertretend für die Probleme und Gefühle der Kinder stand. Mondbär, der mit seinen Freunden, die Gefahren im Wald bekämpft hat wurde von mir ebenso angeschaut, wie Soy Luna, eine Liebesschmonzette für Präpubertierende: Aber nun sind wir bei etwas angekommen, was ich -nie nie nie- schauen wollte und ich tue es dennoch (ich behaupte vor mir, dass ich so verhindern kann, dass die Kinder alles das glauben, weil ich es relativiere, aber im Grunde bin ich EKEL-fasziniert)

KEEPING UP WITH THE KARDASHIANS:

Wer es noch noch nicht kennt. Das ist eine Serie, die eine Familie in Amerika beobachtet, die im Grunde alles haben und sich beim Alles haben filmen lassen. Die Töchter haben wahlweise Poimplantate oder aufgespritzte Lippen, fliegen am Wochenende nach Vegas oder holen sich mal eben einen neuen Hund aus dem Tiergeschäft. Jede einzelne dieser Kardashian Schwestern ist inzwischen weltberühmt und sehr reich und selbst die Kleinsten (die Serie ist von 2008) sind heute Super Models und führen die Forbes Liste der reichsten Amerikaner an.

Es ist verrückt blöd, aber es ist faszinierend. Ich schäme mich es zuzugeben, aber Mondbär war auf die Dauer schwerer zu ertragen. Wir sitzen vor dem Fernseher und kommentieren das Geschehen dieser seltsamen Familie, die die Kameras sogar zum Schwangerschaftstest vor die Toilette mitnehmen und wundern uns und lästern und schalten dennoch nicht ab.

Immerhin sagt das eine oder das andere Kind ab und zu einen Satz wie: ich würde mich nie so operieren lassen. (bei Heidi Klum wollen sie zumindest NIE ihre Stimme haben). Aber sie finden den ganzen komischen amerikanischen Prunk dennoch toll. Protzig, peinlich und spannend. Dass der Vater der Kinder inzwischen Transgender ist und zur Frau wurde, wussten meine Kinder vor mir und überhaupt scheint es für diese jungen Menschen heute keinerlei Dinge zu geben von denen sie noch nicht gehört haben. Peinlich ist das jedenfalls alles nicht. Der Vater von drei Kindern ist jetzt eine Frau? Hey, warum nicht, ist doch easy. Was hätte mich das früher beschäftigt, heute ist es kaum eine Diskussion von 5 Minuten wert.

Wenn ich nach einer bis maximal 2 Folgen rufe: „jetzt ist Schluss“, sind meine Kinder ganz enttäuscht. Es ist als ob sie in ein sagenumwobenes Märchenreich hinabgestiegen wären aus dem sie nun wieder auftauchen und die raue Welt in unserem grauen, uninteressanten Hamburg mühevoll betrachten. Wir haben nur EIN Auto vor dem Haus? Keine Skandale zu Hause? Kein Patchwork? Ihre Mutter war nie ein Supermodel?

Eines Tages werden sie so froh sein, dass wir keine Kardashians sind, aber bis dahin träumen sie weiter davon ein Leben zwischen reichen Irren zu führen und damit berühmt zu werden. Und ich lese abends im Bett heimlich deutsche Erzähler des 19.Jahrhunderts und bin froh, dass die Kinder nicht wissen, wie altertümlich ihre Mutter eigentlich wirklich ist. Keine Kardashian, eher eine aus der Zeit Fontanes oder Balzacs oder noch dramatischer . Ist das schön!!!

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