Das Leben geht weiter, nur anders…

Geht Ihnen das eigentlich auch so? Da draussen laufen alle rum, als wäre nichts gewesen, nur man selbst ist noch nicht soweit. Wir wohnen in Hamburg an der Elbe, unweit vom Strand. Die Temperaturen sind sommerlich und Flüge nach Ibiza sind so etwas von unnötig, wenn man beobachtet, was sich am Elbstrand abspielt. Halbnackte Menschen tummeln sich zu Hunderten am Wasser, die Musik brüllt, einige tanzen, als ob es um ihr Leben geht und dazwischen sitzen Kinder im Matsch, Hunde stürzen sich in die Wellen und Menschen wie ich rennen so schnell wie nur möglich nach Hause.

War das immer schon so oder ist es ein Nachholen nach Corona? Aber halt! Corona ist doch noch gar nicht vorbei??In Paris haben sie gestern gerade mal die Aussenterassen wieder geöffnet nach 3 Monaten Lockdown, ich war seit Februar in keinem Restaurant essen und es fehlt mir auch nicht. Die Kinder gehen nach wie vor kaum zur Schule und mühen sich durch Homeschooling, Maskenpflicht und leere Klassenzimmer mit Pfeilen, die ihnen die Laufrichtung anzeigen. Nur da draussen findet ein ganz anderes Leben statt.

Als ich gestern mitten in einem wunderschönem Gewitter über diese Tatsachen sinnierte, fiel mir ein Artikel in die Hand, der mir in dem Moment mehr als nur Corona erklärte. Er erklärte mir mein kompliziertes Seelenleben in und um Corona, aber auch das der Menschen da draussen, denen es gar nicht voll genug sein kann.

Der Autor heisst Jonathan Rauch und sein Artikel „Caring for your Introvert“(mit der wunderbaren Unterzeile: „the Habits and needs for a little-unterstood group) ist so ziemlich das Beste, was ich seit langem gelesen habe. Er ist bereits vor 17 Jahren erschienen und hätte ich ihn damals schon gelesen, hätte ich wahrscheinliche das eine oder andere in meinem Leben aufrichtiger und selbstbewusster gestaltet.

https://www.theatlantic.com/magazine/archive/2003/03/caring-for-your-introvert/302696/

Der Artikel handelt mehr oder weniger davon, dass unsere Welt in introvertierte und extrovertierte Menschen unterteilt ist. Bis gestern hätte ich mich ohne zu überlegen zu den Extrovertierten eingeordnet: ich mag Menschen, ich rede gerne, ich bin nicht schüchtern und ich liebe das Leben. Aber nun weiss ich es besser. Denn die Seiten, die wahrscheinlich nur mein Mann und einige wenige gute Freunde an mir kennen, werden dort so deutlich beschrieben, dass es schon fast schmerzt. „Introverts“ mögen Menschen, aber sie ermüden auch schnell von Gesprächen und Eindrücken..Extroverts dagegen gewinnen Energie durch die Treffen oder Gespräche mit anderen Menschen…

Vor mir sehe ich auf einmal mein Leben seit der Pubertät. Wie ich mich mühe, wie die „anderen“ zu sein, wie ich auf Parties auf die Uhr gucke, weil ich mich darauf freue bald alleine im Bett zu liegen, die Fenster zu öffnen und die Stille der Nacht hereinzulassen. Momente, in denen ich zweifele normal zu sein. Lustiger Teenager, sorglos, einfach mal die Saurauslassen. Jahre in denen ich von „oh ist sie arrogant“, „denkt sie, sie ist was Besseres?“ bis hin zu „Spassbremse, sei nicht so ernst“ und „verklemmt“ bezeichnet wurde. Wie ich nie auf Konzerte ging und stattdessen den nächsten See abends zum schwimmen ansteuerte.

Um es gleich einmal richtigzustellen, nichts spricht gegen einen tollen Abend mit Freunden oder Familie. Aber während bei den einen der Energielevel immer höher geht, geht meiner immer weiter runter. Es ist als ob ein Fass irgendwann voll ist und dann nehme ich nichts mehr auf. Ich brauche Unmengen von Zeit, um Gefühle und Gespräche zu verarbeiten und kann im Prinzip erst danach wieder von vorne anfangen. Zwei Mal am Wochenende ausgehen könnte ich nicht mehr und wenn ich es tue, falle ich danach oft in ein tiefes Loch. Aber auch wenn ich mich danach richte ist das Loch oft da, weil man immer wieder denkt, ich will doch da sein für die anderen, die die ich mag. Warum muss das jetzt so schwierig sein?

Mein Mann ist ein typischer „Extrovert“. Er liebt Menschen, Gespräche, Parties und würde am liebsten eine Reise an die nächste reihen. Als er mich kennenlernte, hätte er sich wohl nicht im Traum denken können, dass ich so sei, aber ich muss ihm hoch anrechnen, dass er inzwischen damit umgehen kann. Mit dem Tag der Geburt unserer Kinder (und auch schon davor) war in unserem Leben immer was los und ich möchte es nicht eine Minute missen. Aber mein Bedürfnis nach Einsamkeit ist immer da. Manchmal nehme ich mir einen Babysitter ohne auszugehen. Ich gehe in den Keller und geniesse die Ruhe. Manchmal sitze ich eine halbe Stunde im Auto, denn auch da ist es ruhig. Mein Handy stelle ich still und seit die Kinder grösser sind und mich nicht mehr dauernd brauchen, liebe ich es eine Siesta zu machen, bei der ich selten schlafe, aber noch viel öfter schweige und wach bin.

Warum ich das alles am Anfang im Zusammenhang mit Corona gesetzt habe? Corona hat mich stark an meine „introverts“ Grenzen gebracht. Seit Ende Februar war ich so gut wie nie allein, ausser Nachts, wenn ich manchmal auftstand, um das Gefühl auszukosten, dass es still war und niemand sprach. Der Druck, das Homeschooling und vieles mehr hinzubekommen war so gross, dass ich am liebsten nur noch geweint hätte. Was nicht ging, weil ich Kinder habe und leider die Altersgrenze schon länger überschritten habe, in der man sich so hängenlassen darf. Alle sprachen davon, wie eng man durch Corona zusammenwächst und es kommt nicht gut an, wenn man sagt, naja… ja und nein, ich würde gerne alle rausschmeissen und einfach nur träumen und Ruhe haben. Ich würde oder hätte gerne Radios ausgemacht, Computer aus dem Fenster geschmissen, den stetig laufenden Fernseher leise gestellt, insgesamt mal für Ruhe gesorgt. Aber wie es der Artikel von Mr Rauch schon sagt, Introverts haben einen schweren Stand in dieser Gesellschaft. Wir gelten als sonderlich, manchmal egoistisch und einfach nicht cool.

SO IST MAN NICHT.

Das Positive an Corona war, zu lernen, dass meine Familie das Wichtigste überhaupt ist. All die Treffen mit Freunden oder Bekannten, die vielen kleinen oder grossen Begegnungen, die mich oft aus meinem innerlichen Gleichgewicht schmeissen, sind gar nicht so nötig, wie ich gedacht habe. Alle haben sich auf sich konzentriert in dieser Zeit und ich denke bis auf die wirklich Einsamen, die Menschen, die niemanden haben und dringend Ansprache gebraucht hätten, hat es vielen von uns gut getan mal einen Gang runterzufahren. Und die Extroverts können jetzt wieder voll durchstarten, während wir anderen einfach im Corona Modus bleiben.

Meine Aufgabe lautet, etwas aus all dem zu lernen. Jeder Tag braucht mindestens eine Stunde oder mehr Stille. Nur dann kann ich für alle so dasein, wie ich das gerne möchte. Ich meditiere wieder, weil einen das wirklich zwingt, alles stehen und liegenzulassen. Ich denke darüber nach, mich nicht so uncool und komisch zu finden, wie ich das in den vergangenen Jahren oft getan habe. Mit fast 50 sollte das möglich sein. Und: ich halte mich an den Schluss des Artikels, in dem es zwar darum geht wie die anderen einen behandeln sollen, ich das aber genauso für mich selbst anwenden kann…. Darin schreibt der Autor:

Wie unterstütze ich einen introvertierten Menschen in meinem Leben und respektiere ihn? „Als erstes erkenne, dass es keine WAHL ist und auch kein LEBENSSTIL, sonder eine ORIENTIERUNG, also etwas innerliches.“

Zweitens: wenn du einem Introvertierten begegnest, der in Gedanken verloren ist, frag ihn nicht: „Hey, was ist los? Oder bist du ok?“

und drittens: „sag am besten gar nichts mehr.“

Der letzte Satz war das Allerbeste. Denn nichts ist so schön, wie keine Erklärungen abgeben. In diesem Sinne, einen schönen, ruhigen Tag allen Gleichfühlenden da draussen. Und allen anderen: Seid froh, dass ihr extrovertiert seid. Ihr seid auf jeden Fall diejenigen, die von der Welt besser verstanden werden.

2 Kommentare

  1. Das Leben geht weiter, nur anders…

    Danke Caroline,
    ein erstklassiger Artikel, welcher mich zum Nachdenken verführte.

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