Totaler lockdown im Hause. Nichts geht mehr.

Bei uns ist die Luft raus. So richtig. Und ich weiss gerade nicht, wie ich den Motor wieder anwerfen kann. Meine letzte Energie habe ich in den 50.Geburtstag meines Mannes gesteckt, der – trotz Corona- wirklich schön wurde. Wir haben viele liebe Menschen auf Abstand gesehen, keiner aus der Nachbarschaft hat uns angezeigt, obwohl sich zwischenzeitlich auch mal mehr als 4 Menschen in unserem Garten befanden und das Wetter hat auch mitgemacht. (wichtigster Punkt in Corona Zeiten, da man sich ja drinnen schlecht auf 1,50 m aufteilen kann)

nein diese Torte habe ich NICHT selber gebacken

Dann wurde Kind eins krank, mit einer wirklich schmerzhaften Gehörgangsentzündung und Schule war kaum noch zu bewältigen. Dann wurde Kind 2 krank mit etwas, was wir noch nicht benennen können, aber so weh tut, dass sie nicht richtig essen und trinken kann. Wenn man davor schon 8 Wochen miteinander verbracht hat, wird das Ganze so allmählich zur Nervenprobe. Die Aufgaben aus der Schule kommen weiter rein und Aufgeben ist keine Alternative, aber manchmal möchte man einfach hinschmeissen.

Gestern kam es zum endgültigen Showdown, als ich meiner Tochter fast 20 Minuten erklären sollte, was ein Dezimeter ist. Eigentlich hatte ich nur alte Mathe Aufgaben rausgesucht, die wir wiederholen sollten, aber inzwischen ist alles Schulische nur noch Blockade. Irgendwann schrie ich und warf ein Buch auf den Boden, dann schrie ihre Schwester, dann gingen sie beide aufeinander los: Im Nachhinein dachte ich, warum hast du sie sich nicht prügeln lassen? Das hat früher bei uns funktioniert und den Druck rausgenommen und Jungs machen das auch, nur ich Trottel habe es wieder versucht friedlich zu lösen. Was überhaupt nicht funktioniert hat.

Ich will nicht zu viel verraten, aber der Tag ging eindeutig aggressiv weiter. Ein Busfahrer schrie mich an, weil ich auf seiner Spur stand, ein Radfahrer trat gegen mein Auto, weil ich danach auf seiner Spur stand. Davor war meine Tochter in Tränen ausgebrochen, weil ihr der HNO Blutabnehmen wollte und sie sich von mir nicht trösten lassen wollte, weil ich im falschen Moment das falsche Gesicht dazu gemacht hatte und irgendwann dann sass ich allein im Auto und heulte auch und wollte gar nicht mehr aufhören, weil ich das Gefühl hatte das einfach alles, wirklich alles schieflief,. Als ich dann nach Hause kam und auch noch die Email einer Lehrerin im Eingang hatte, die mich mehr als eindringlich des Helikoptermutterdaseins beschuldigte, war bei mir das Ende der endlosen Geduldsspanne erreicht. Erst fuhr ich in die Autowaschanlage, um in Ruhe in mich hineinzujammern, dann an den Strand und dann ohne noch mit jemanden zu reden ins Bett.

Einsam, alleine, glücklich. Der Strand am Abend

Mit der Lehrerin rede ich nie wieder, weil ihr sonst alles um die Ohren hauen würde, was sich bei mir seit Wochen angesammelt hat. Über 10- jährige Kinder, die alleine Word Dateien in PDF umwandeln sollen, nebenbei Powerpoint Präsentationen entwerfen müssen und Opern analysieren, während das Moos abgewogen wird und Flechten gemessen werden. Und deren Mütter einfach nur versuchen zu helfen, damit sie nicht untergehen im Homeschooling Sumpf und dann in die Helikopter Gruppe eingeordnet werden.

Ich hatte also die Lehrerin satt, Corona satt, meine Familie kurzfristig auch satt, die ständige Nähe und das Antreiben der Kinder. Mir fehlten meine Freundinnen und die Ruhe am Morgen, wenn alle zur Schule gingen und mein Mann zur Arbeit. Mir fehlt mein NDR Kultur mit meiner dampfenden Tasse Tee und all diese rituellen, ruhigen Momente, die mir so viel bedeuten. Jeden Morgen Streit wegen der Schule schaffen mich so sehr, dass ab 14 Uhr jede Luft raus ist. Und danach geht der Kampf los, dass Kinder an die Luft sollen, nicht am Handy sein, nicht am Computer sein, nicht nur im Bett liegen, im Haushalt helfen…Am Ende gibt es dann wieder Streit, weil sie alle denken, ihre Mutter sei eine zickige, ständig nörgelnde Problembombe, der man besser aus dem Weg geht.

Wer hat eigentlich die Idee erfunden, dass Mütter die Laune immer oben halten sollen? Bin ich ein 7/eleven Shop der 24 Stunden am Tag geöffnet hat und den jeder aber auch wirklich jeder betreten darf? Warum ist es so verwerflich als Mutter schlechte Laune zu haben oder ungerecht zu sein? Bevor ich Kinder bekam, war ich auch keine moralisch einwandfreie Person, warum sollte ich auf einmal so viel besser geworden sein, nur weil da jetzt Babys waren? Wie auch immer – gestern habe ich hier jedenfalls stark verbrannte Erde hinterlassen. Heute muss ich mich ans Giessen machen, damit wieder etwas wächst.

Trotz dieses üblen Tages gestern musste ich am Ende doch noch lachen. Ein letzter Blick auf Instagram zeigte mir, was die Menschen an diesem 4.Mai am meisten beschäftigt haben musste:

Die Friseure hatten wieder geöffnet und offensichtlich hatte das Gros meiner Bekannten NUR auf diesen Tag gewartet. Noch nie habe ich so viele Posts gesehen von Menschen, die Alufolie im Haar hatten und glücklich in die Kamera strahlten, weil man ihnen endlich ihren grauen Haaransatz genommen hatte. Da das sicher keine spontane Aktion war, mussten sie es alle von langer Hand geplant haben, so wichtig waren ihnen ihre Haare. Vielleicht hätten wir zusätzlich zur Maskenpflicht auch eine Mützenpflicht einführen sollen? Dann nimmt der Druck stark ab, Haare zu färben und das dann ja auch noch alle 6 Wochen zu wiederholen. So sind wir also alle nur „Menschen“. Meine Haarprobleme habe ich längst selbst mit einer Packung aus dem Drogeriemarkt gelöst, dafür renne ich allerdings heute Abend zur Fusspflege. Die sehen nämlich aus als ob ich 7 Wochen bei den Hobbits im Wald verbracht hätte. Und das muss ja nicht sein, Corona hin oder her.

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