Deconfinement – oder wie wir uns nicht langsam, sondern sehr schnell wieder öffnen..

9 Wochen habe ich aufgepasst: Und wenn ich aufgepasst sage, dann meine ich wirklich aufgepasst: Hier lagen stets Handschuhe bereit, die Masken wurden abends gewaschen und hingen morgens trocken an der Tür, damit sich jeder eine nehmen konnte. Wir haben niemanden umarmt, niemanden angefasst, niemanden in unser Haus gelassen. Aber wenn ich die Bilder der vergangenen Tage in den Nachrichten sehe, frage ich mich, ob sich das alles wirklich gelohnt hat. Kaum öffneten die Geschäfte wieder und Menschen durften raus, scheint für so viele vergessen zu sein, um wen oder was es wirklich ging: um den Schutz: Der Alten, der Gefährdeten und eventuell auch um unseren. Auf der Hamburger Alster tummelten sich Menschen, die sich zu 8. auf Tretbooten stapelten, am Münchner Marienplatz wurde demonstriert, mit Kindern im Arm, vielfach ohne Maske. Ist das alles, was wir daraus gelernt haben?

Sehe Sie auch nur EINE Maske? Ich finde das völlig daneben…

Gute Freunde von uns leben in Singapur. Singapur traf die erste Welle schon viel früher. Wir bekamen mit, wie Kinder desinfiziert wurden und bei den Menschen dort vor den Büros und Schulen und Einkaufszentren Fieber gemessen wurde. Die Zahlen fielen und dann stiegen sie wieder nachdem dort alles wieder seinen normalen Gang genommen hatte. Nun ist Singapur bis zum 1.Juni im Lockdown und zwar so hart und streng wie in Frankreich zuvor. Das Haus darf man nur kurz verlassen, nichts geht mehr. Wollen wir das auch? Ich jedenfalls nicht.

Mir tun meine Kinder leid, die endlich wieder zur Schule wollen. Meine Mutter, meine Schwiegereltern, die Lust haben sich wieder mit Freunden und Familie zu treffen. Meine Schwester, die zurück nach Tansania will. Das alles ist noch so fragil, das man Angst hat, es könnte jede Minute in sich zusammenbrechen.

Meine grosse Tochter ging heute das erste Mal nach 2 1/2 Monaten wieder zur Schule. Zu einer Doppelstunde Deutsch. Morgen hat sie Englisch. Übermorgen Mathe. Viel mehr lässt sich nicht organisieren für eine Schule in der es allein 5 sechste Klassen à 28 Schülern gibt, plus die 10. und 11. Klassen.

Mit meiner kleinen Tochter kämpfe ich mich weiter durch das Homeschooling, jeden Tag etwas weniger engagiert. Ich frage mich wieviel Stoff ihr nächstes Jahr fehlen wird und wer darauf Rücksicht nehmen wird, wenn sie die Vokabeln nicht kann, die Grammatik nicht verstanden hat oder Flächeninhalte nicht berechnen kann?Nachts liege ich oft wach und mache mir Sorgen. Die Kinder sind die wirklich Leidtragenden in Zukunft.

Heute darf V. zum ersten Mal seit Februar in ihre Tennisstunde. Ich bin gespannt, wie sie es finden wird. Die Vorgaben sind sehr klar: Die Kinder werden Handschuhe tragen, es gilt Maskenpflicht, die Halle darf nicht betreten werden. Missachten sie eine dieser Regeln, dann dürfen sie nicht mehr trainieren. Ich bin gespannt, ob das klappt und wie sich das anfühlt. Die Kinder spielen ja auch Tennis, um ihre Freunde zu sehen, um Spass zu haben, um sich frei zu fühlen. Es ist kein REINER Sport, sondern viel mehr.

An die Masken gewöhnen wir uns ohnehin alle nur schwer. Neulich stand ich telefonierend im Supermarkt, als ich dachte, ich werde ohnmächtig. Sprechen, atmen und Maske geht nicht. Auch seine Essensauswahl sollte man bedenken. Nach einer Riesenportion Spagetti Aglio Olio hat es mich vor ein paar Tagen beinahe in die Knie gezwungen, weil ich meinen eigenen Mundgeruch ertragen musste. Knoblauch ist erstmal vom Speiseplan gestrichen. Vielleicht abends, aber auf keinen Fall Mittags, wenn ich noch einmal rausmuss.

Die lustigen Videos haben aufgehört. Ist Ihnen das auch schon aufgefallen? Niemand schickt mehr eines. Das Toilettenpapier ist nicht mehr ausverkauft, Trockenhefe ist wieder im Angebot, nur die Schlangen vor den Geschäften sind geblieben. Mein armer Mann hatte am Sonntag mal wieder mit dem Doppel Muttertagsproblem zu kämpfen. Obwohl er eigentlich nur eine Mutter hat, muss er seit der Geburt der Kinder Muttertags immer hinaus und 2 Blumensträusse ergattern, bislang haben unsere Töchter das noch nicht geschafft, obwohl ich ihnen Jahr für Jahr erzähle, dass ich NICHT Papas Mutter bin. Diesen Sonntag jedenfalls führte sein Weg durch die Stadt vorbei an Blumenläden mit Schlangen, Bäckereien mit Schlangen und als er endlich von seiner Mutter (immerhin dort, keine Schlange 🙂 und all diesen Schlangen zurück war, sah er so erschöpft aus, dass wir eigentlich Vatertag hätten feiern sollen. Meine grosse Tochter hatte mich auch an diesem Tag nur mit dem Handy im Gesicht kurz und knapp begrüsst und mich daran erinnert, dass ich ja immer gesagt hätte, Muttertag sei nicht so wichtig. Die Kleine hatte eine Riesentorte gebacken. Allerdings schon Tage vorher und auch eher zu ihrem Spass. Aber wie war das nochmal mit dem Mutter sein? Ego abgeben und Klappe halten, dann läuft es am besten. Und ich habe ja immer noch meinen Mann, den ich bemuttern kann..

der wunderschöne Blumenstrauss meines Mannes (offiziell der meiner Töchter)
Stolze Tochter, Tage vorher mit Torte

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