Woche 4 – wo geht es hin?

Es kommt mir ewig vor, dass das Leben ganz normal war. 4 Wochen plus 2 Wochen Frühlingsferien, das macht 6 Wochen Kinder minimum 12 Stunden am Tag, also ca. 300 Stunden „la totale“ wie der Franzose sagen würde.. Was hat sich geändert? Das anfängliche „Hurra, wir machen jetzt ganz besondere Sachen zusammen!!“ ist einem „Ausweichen“ gewichen. Jeder nimmt sich mehr und mehr Platz in irgendwelchen Ecken, denn so sehr wir uns alle lieben, so sehr sehe ich auch bei den Kindern das Bedürfnis nach Ruhe vor ihren Eltern. Meine Grosse verkriecht sich viel in ihrem Bett und liest, die Kleine fährt Runde um Runde Skateboard die Strasse rauf und runter. Mein Mann liebt sein Handy und ich meine Serien und meinen englischen Krimi. Man kann nicht vier Wochen lang Monopoly oder Mensch Ärger Dich nicht spielen. Erkenntnis Nummer 1.

Wir sind fauler geworden. Noch fauler. Zwischenzeitlich hatte ich mir so interessante junge Damen, wie Stephanie Giesinger (ehemaliges GNTModel) runtergeladen, um ihre brutalen Boot Camp Übungen nachzumachen und am Ende so auszusehen wie sie. Meine Lust liess allerdings schnell nach, als ich vor dem Badezimmer Spiegel rumhampelte und aussah wie eine Oma kurz vorm Kreislaufkollaps. Eine meiner Freundinnen geht täglich joggen. Jedes Mal, wenn ich das höre, wird mein Schweinehund noch grösser. Mein Mann sagte gestern, die Spanne zwischen dem wo er gerne wäre und dem was er tatsächlich TÄTE sei so riesengross, dass er am liebsten gar nichts mehr machen würde. Erkenntnis Nummer 2. Corona macht uns doch nicht zu besseren Menschen. Mehr Zeit heisst nicht immer mehr Inhalt.

Dazwischen immer wieder Hilfsschule. Und Verwahrlosung. Neulich habe ich meine Tochter dabei ertappt, dass sie mehrere Tage das gleiche Oberteil trug. Es ist schwer, das zu bemerken, weil das Gros der Oberteile schwarz ist, aber mir fiel der Geruch auf und ich fragte – noch sehr höflich- von wann das T Shirt sei. Sie sagte, sie wisse es nicht, es sei sehr gemütlich und sie schlafe auch schon seit fast einer Woche damit.

Oh. Mehr kam nicht mehr aus mir raus. Erkenntnis Nummer 3. Vorsicht mit verletzbaren Äusserungen. Wenn alle eingesperrt sind, sind Streits deutlich schwerer auszuhalten, als verschwitzte Klamotten.

Bei mir kommen mehr und mehr graue Haare zum Vorschein. Ich dusche immerhin noch regelmässig, schon weil der Heuschnupfen mich dazu zwingt. Jogginghosen sind hier stark im Kommen. Zum einen, weil mein Bauch immer dicker wird und so ein elastischer Bund sooo viele Vorteile hat und zum anderen, weil ich ja nicht rausgehe. Warum also all die Mühe, wenn man zwischen Aufstehen und Schlafengehen nur kocht und aufräumt oder Lehrerin spielt?

In Jena ist ist ab heute Maskenpflicht. Da ich davon ausgehe, dass das auf uns auch zukommt, habe ich neulich in der Einkaufsstrasse bei uns ums Eck begeistert Masken gekauft. Unser türkischer Schneider war der Erste, der so klug war auf den Zug aufzuspringen und macht seitdem tolle Masken. Es gibt sie in allen Farben, gepunktet oder mit kleinen Ankern für Kindern. Der neue Trend 2020 wird die Maske! Das ist schon mal sicher.

Hochspannend fand ich DIESE Meldung:

„Seismologen messen weltweit weniger seismisches Rauschen. Dazu gehören Vibrationen, die durch Autos, Züge und Menschen täglich erzeugt werden. Ohne sie bewegt sich die obere Erdkruste weniger. Der Seismologe Thomas Lecoq vom Royal Observatory in Belgien hat dieses Phänomen in Brüssel beobachtet. Nachdem dort Maßnahmen eingerichtet wurden, um das Infektionsrisiko mit dem Coronavirus zu verringern, hatte sich das Hintergrundrauschen um 30 bis 50 Prozent reduziert. Das entspräche dem, was normalerweise am Weihnachtstag gemessen wird. „

Erkenntnis Nummer 4: Wenn es mit uns Menschen schon nicht besser wird, der Erde tut es auf jeden Fall gut.

Am Wochenende wurde in Hamburg das Wetter deutlich besser und natürlich waren wir nicht die Einzigen, die das festgestellt haben. An der Elbe unten musste man sich durch Massen von Menschen drängen, die offenbar nichts von diesem neuartigem Virus Phänomen mitbekommen haben. Zwischendurch immer wieder beherzt Polizisten, die den Menschen höflichst versuchten zu erklären, dass das nicht geht. Wir sind schnellstens davongelaufen und am nächsten Tag spät abends wiedergekommen. Und was soll ich sagen? Ich verstehe nicht, warum ich das in 6 Jahren an der Elbe nicht schon öfters gemacht habe. Wellenrauschen, Sonnenuntergang und das Kind und ich fast ganz alleine (das andere Kind mag solche Ausflüge nicht). Wir werden das sicher wiederholen.

endlich alleine, die Elbe ab 20.30

Weil man ja abends ab und zu mal liebe Menschen treffen will, haben wir unlängst unsere Nachbarn zum Apero im Garten getroffen. Zwischen uns der Zaun (zum Glück noch nicht dicht bewachsen) und das gute Gefühl, dass wir eine wunderbare Zeit hatten, ohne jemanden zu nahe zukommen.

nur unklar zu erkennen, unsere lieben Nachbarn

Überhaupt ist bei uns inzwischen der Morgen der neue Abend. Da die Kinder mangels Auslauf abends einfach nicht müde sind und voller Enttäuschung dabei zusehen, wie ihre Eltern gähnend um 22 Uhr zusammenbrechen, haben wir jetzt den Morgen entdeckt. Kein Kind regt sich am Wochenende vor 11 Uhr. In der Zeit haben mein Mann und ich alle Themen, die uns wichtig sind besprochen, zweimal gefrühstückt, noch viel mehr Cafe getrunken und Zeitung gelesen.

Trotz aller positiven Verdrängung dessen, was gerade passiert, kommt immer mehr auch die Frage nach dem Schuljahresende der Kinder auf. Wie werden sie in diesem Jahr benotet? Was ist fair, was ist unfair? Werden sie überhaupt nochmal zur Schule gehen? Wie werden wir den Stoff aufholen? Unser Umzug nach Paris ist auch auf Eis gelegt. Wir wissen nichts und das fühlt sich komisch an. Schliesslich sind wir normalerweise durchgetaktet bis Weihnachten. Ein hartes Entzugsprogramm, aber wirkungsvoll, weil es uns entlastet und wir uns besinnen, auf das was JETZT ist.

Heute Morgen las ich, dass im New Yorker Zoo jetzt auch ein Tiger und 6 andere Artgenossen an Corona erkrankt sind. Wie ist das denn bitte passiert? Hat der kranke Pfleger versucht den Tiger zu umarmen oder ihm die Hand zu geben? Oder gar ihn zu küssen? Ich versteh das nicht, muss ich aber vielleicht auch nicht. In jedem Fall wäre es bei den Meerschweinchen ein logischeres Phänomen gewesen.

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