Corona Tag 3 (…plusX)

Es ist verrückt, wie lange der Mensch so braucht, um sich an Dinge zu gewöhnen. Ich zum Beispiel habe die letzten Tage der Ruhe durchaus genossen. Rückzug, Zeit für Dinge, zu denen ich sonst nicht komme und so ist es wahrscheinlich auch normal, dass ich heute Morgen wachgeworden bin und dachte: Heute würde ich gerne eine Freundin sehen. Es dauerte eine Cafelänge, bis ich wieder im Coronamodus angekommen war. Ok. Keine Freundin. Kein täglicher Supermarkt. Keine Schule. Kein Sport.

Ich schlich zu den Kindern, die momentan nicht vor 10 Uhr aus den Betten zu bekommen sind und rief: „Schuuuuuuule“, AUFSTEHEN!!!!!!!! Ich muss ja zumindest ein bisschen für Disziplin sorgen, wenn schon sonst alles den Bach runtergeht. Die Schule hat die beiden ziemlich ausreichend versorgt und so arbeiten wir uns momentan im Waldorf Rhythmus durch die Tage. Nicht 5 Fächer an einem Tag, sondern immer eines in Ruhe und dann das Nächste. Das macht richtig Spass, finde ich. Die Ideen der Lehrer sind toll. Sogar bei Instagram hat das Gymnasium eine tägliche Challenge organisiert. Ich muss schon sagen, ich bin beeindruckt. Als wenn wir uns auf die Pandemie schon länger vorbereitet hätten.

Mein Mann kam gestern von Paris nach Hause und war geschockt. Es war uns leichtfüssigen Hamburgerinnen schwer zu vermitteln, wie traurig es in Paris war. Aber es reicht wahrscheinlich sich diese spannende und blühende Stadt leer vorzustellen. Während er mehr oder weniger allein im grossen Büro seiner Firma war, rief ihn das Hotel an, er solle bitte auschecken, er sei der EINZIGE Gast und sie wollten jetzt schliessen. Freunde zu denen er wollte, waren samt Katze im Gepäck Richtung Süden aufgebrochen, andere stecken in Madrid fest. Auf den Strassen in Paris patrouillierte Polizei. Mit Megaphonen riefen sie die Leute auf in ihren Häusern zu bleiben oder – wenn sie mehrere Menschen auf einem Haufen entdecken- , sofort auseinanderzugehen. Der Ton ist rau. Man merkt, was Macron mit seiner Kriegsansage an den Virus meinte.

Um sich überhaupt auf der Strasse zu bewegen bedarf es eines Passierscheines. Sei es um anzuzeigen, dass man etwas einkaufen will, sei es dass man zu Arzt muss. Dieses Exemplar bekam ich gestern zugeschickt. Selbstverständlich darf man auch in Paris seinen Humor nicht verlieren.

Ob es bei uns auch soweit kommt? Heute Abend will Angela Merkel endlich zu uns sprechen. Also diesmal so richtig. Nicht mit Söder oder Spahn zwischen Presseleuten, sondern staatstragender. Offenbar hat sie nach gefühlter Ewigkeit mitbekommen, dass man das so macht, wenn man Verantwortung für sein Volk verspürt. Emmanuel Macron ist inzwischen schon mehrfach zu sehen gewesen, um sein Volk auf die jeweils härtere Stufe der Corona Massnahmen einzuschwören, Justin Trudeau spricht aus der verschneiten Atmosphäre seines Quarantäne-Hauses in Kanada zu seinen Landsleuten und Österreichs Präsident hat es auch längst erkannt. Man muss die Menschen auf diesen Zustand streng einschwören, anders verstehen sie es nicht. Hier in Hamburg wird zwar gehamstert, aber die Cafe und Strassen sind immer noch ziemlich voll und das obwohl die Zahlen explodieren. Sind wir zu doof oder liegt es an der Regierung, die es einfach nicht vermitteln kann? Warten wir mal ab, ob unsere trockene Uckermärkerin mit dem Charme einer Berliner Taxifahrerin heute Abend das Ruder rumreissen kann.

Gestern Nacht lag ich noch lange lange wach. Nächte sind momentan die einzigen Momente für mich, in denen ich mal nachdenke und Dinge Revue passieren lasse. Mit einem gewissen Schmunzeln habe ich meine Emails durchgecrawlt und die Best of gewählt. Mein örtliches Fitness Center kündigt Video-Sport an. Eine spirituelle Buchhandlung aus Hamburg, bei der ich offensichtlich einmal etwas bestellt habe, schickt mir drei Möglichkeiten der Angst Meditation. Zwei habe ich ausprobiert, waren gar nicht schlecht, aber da ich keine Angst habe, sind sie wohl eher zum Einschlafen gedacht. Deepak Chopra, den ich auf Instagram abonniert habe, hat neulich einen wunderbaren Kommentar abgegeben, um uns den Unterschied zwischen „Fear und Panic“ zu erklären. Zwischendurch hustete er ununterbrochen. Mein Mann brach beinahe zusammen vor Lachen, weil er ihn an den lustigen Inder aus den Peter Selters Filmen erinnerte. Ich selber konnte mich auch kaum noch halten, weil Husten in diesen Tagen doch soooo verdächtig ist.

Die Emails mit den Absagen für Dinge, die ich schon fast vergessen hatte sind lang. Arzttermine, Hausvermessungen, Coachings, Yoga Stunden Geschenke: Alles wird abgesagt. Heute wird laut meiner Schwiegermutter sogar das Alsterhaus geschlossen und das will was heissen. (inetwa so wie wenn in München der Beck schliesst)

Wichtigste Aufgabe für meinen Mann heute: dringend einen Friseurtermin bekommen. Er, der seit Wochen ziemlich punktgenau die Lage voraussagt, hat bei all dem nicht daran gedacht, dass Haare wachsen. Nun muss er zwischen 1000 Telefonkonferenzen noch schnell einen Friseur finden, bevor auch die schliessen. Ich wage mich nicht an seine Haare. NIE IM LEBEN!

Zwei schöne Geschichten noch zum Schluss: Erstens habe ich den tollsten Rheumatologen der Welt: er bewahrt mich vor seiner grossen, virenlastigen Praxis und kommt heute Abend persönlich zum Blutabnehmen vorbei. Nein das ist nicht normal und hängt auch mehr damit zusammen, dass unsere Kinder in die selbe Klasse gehen. Aber ich schwappe trotzdem über vor Dankbarkeit, da mein Lupus (Autoimmunkrankheit, die keiner will und braucht) gerne kontrolliert wird, aber nicht gerne mit Corona konfrontiert wird.

Die zweite Sache war ein Artikel, der mir gestern weitergeleitet wurde, den ich einfach gut fand. Für alle die, die Matthias Horx nicht kennen: Er ist ein eine Art Zukunfts- und oder Trendforscher, aber lest den Artikel, das bringt mehr, als hier seinen Lebenslauf zu erklären.

Ach und noch eines: für die Instagramer. Ich war ja immer ein grosser Fan von #Johannaadorjan und ihren Büchern, aber ich kann sie gerade jetzt nur wärmstens allen empfehlen. Erstens ist es nun sowieso DIE Zeit aller Zeiten zum Bücher lesen und ihre Empfehlungen sind wunderbar und zweitens sind ALLE ihre Posts spannend, witzig und immer mit einer Prise (Selbst)Ironie versehen, genau das was man also braucht in diesen Tagen. Nach Matt Haig „Anmerkungen zu unserem nervösen Planeten“ beginne ich jetzt mit der Biographie von Maria Theresia.

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