Corona, ich brauche Ferien…

Gab es diesen Moment wirklich einmal, als die Kinder und ich aufschrien: „Schulfrei, juchhuuuuu!!!“? Heute würde keiner von uns mehr jubeln, wir haben das „Homeschooling“ so satt. Normalerweise blühen ja im Internet schnell irgendwelche Verschwörungstheorien auf. Rund um den Corona Virus gibt es einige. Aber ist eigentlich noch niemand auf die Idee gekommen, dass es eine Verschwörung der Lehrerschaft sein könnte, die uns maximal ehrgeizige Elterngeneration auf den Pott setzen will, um zu sagen: SO IST DAS MIT DEM UNTERRICHTEN. BEVOR IHR UNS NOCH EINMAL KRITISIERT, MACHT ES SELBER. IHR SEID DRAN, IHR BLÖDEN HELIKOPTERMENSCHEN .. Ich muss mich mal herumfragend, was meine Freundinnen von dieser Theorie halten, aber leider ist niemand erreichbar. Alle meine Freundinnen arbeiten jetzt als Aushilfslehrerinnen fulltime. Unsere Pläne, die Fenster zu putzen, Ablage zu machen oder endlich mal den Zaun zu kärchern sind unter einem Berg von Lernmaterialien begraben worden. Morgens werde ich schon wach und denke, nein ich will heute kein Mathe machen und nein ich möchte auch nicht 18 Seiten im Deutsch Arbeitsheft mit meiner Tochter durcharbeiten. Noch weniger möchte ich landwirtschaftliche Nutzflächen vergleichen. (Zitat ich an Tochter: “ also äh da rund um Düsseldorf scheint es viele Kühe zu geben und in Schleswig Holstein auch ..“) Jeden Morgen, wenn wir eine Sache abgearbeitet haben, warten im Schulserver mindestens 3 neue Arbeitsaufträge, jeder davon lang und unerschöpflich. Kann denn jetzt mal einer STOP rufen? Gibt es da draussen wirklich so viele Kinder, die das ohne Meckern und Probleme machen? Heute ging per Whats app ein angebliches Schreiben der französischen Kulturbehörde herum: Sehr wahrscheinlich hat es eine verzweifelte Mutter geschrieben, die sich anders nicht traut zu sagen, dass es reicht, aber für alle, die den Text noch nicht kennen kommt er hier:

Schreiben des französischen Bildungsministeriums an alle Eltern :

Liebe Eltern mit schulpflichtigen Kindern

Möglicherweise neigen Sie dazu, einen minutengenauen Zeitplan für Ihre Kinder zu erstellen. Sie haben große Hoffnungen auf stundenlanges Lernen, einschließlich Online-Aktivitäten, wissenschaftlichen Experimenten und Buchberichten. Sie beschränken die Technologie, bis alles erledigt ist! Aber hier ist die Sache …

Unsere Kinder haben genauso viel Angst wie wir jetzt. Unsere Kinder können nicht nur alles hören, was um sie herum vor sich geht, sondern sie spüren auch unsere ständige Spannung und Angst. Sie haben so etwas noch nie erlebt. Obwohl die Idee, 4 Wochen lang nicht zur Schule zu gehen, großartig klingt, stellen sie sich wahrscheinlich eine lustige Zeit wie Sommerferien vor, nicht die Realität, zu Hause gefangen zu sein und ihre Freunde nicht zu sehen.

In den nächsten Wochen werden die Verhaltensprobleme Ihrer Kinder zunehmen. Ob es Angst, Wut oder Protest ist, dass sie die Dinge nicht normal machen können – es wird passieren. Sie werden in den kommenden Wochen weitere Anfälle, Wutanfälle und oppositionelle Verhaltensweisen sehen. Dies ist normal und wird unter diesen Umständen erwartet.

Was Kinder jetzt brauchen, ist sich wohl und geliebt zu fühlen. Fühlen, dass alles gut wird. Und das könnte bedeuten, dass Sie Ihren Zeitplan auseinander reißen und Ihre Kinder ein bisschen mehr lieben müssen. Kekse backen und Bilder malen. Spielen Sie Brettspiele und schauen Sie sich Filme an. Machen Sie gemeinsam ein wissenschaftliches Experiment oder finden Sie virtuelle Ausflüge in den Zoo. Starten Sie ein Buch und lesen Sie gemeinsam als Familie. Kuscheln Sie sich unter warme Decken und tun Sie nichts.

Machen Sie sich keine Sorgen, dass sie in der Schule rückwärts gehen. Jedes Kind ist in diesem Boot und alles wird gut. Wenn wir wieder im Unterricht sind, werden wir alle den Kurs korrigieren und sie dort treffen, wo sie sind. Lehrer sind Fachexperten! Wähle keine Kämpfe mit deinen Kindern, weil sie nicht rechnen wollen. Schreien Sie Ihre Kinder nicht an, dem Programm nicht zu folgen. Setzen Sie keine 2 Stunden Lernzeit ein, wenn sie sich dagegen wehren.

Wenn ich Ihnen eines überlassen kann, dann ist es das Folgende: Am Ende wird die psychische Gesundheit unserer Kinder wichtiger sein als ihre akademischen Fähigkeiten. Und was sie in dieser Zeit fühlten, wird ihnen noch lange erhalten bleiben, nachdem die Erinnerung an das, was sie in diesen vier Wochen getan haben, längst verschwunden ist. Denken Sie jeden Tag daran.

Bleibt sicher.

………….

Nach dieser Email musste ich erst einmal eine grosse Tasse Tee trinken und schlucken. Entweder ist die Verfasserin Psychologin und auf verzweifelte deutsche Mütter spezialisiert oder die Franzosen sind uns in allem weit vorraus. Dagegen spricht, dass das französische Schulsystem immer noch auf soldatisches Auswendiglernen setzt, wir werden es also nicht herausfinden.

Auf jeden Fall ist das Thema Druck wieder da. Wir wollten ja diese Corona Krise, wie wir sie nennen, als Chance sehen: Mal den Druck rausnehmen, an die denken, denen es schlechter geht. Sich bei denen melden, die einsam sind. In der Theorie ist das schön, in der Praxis schrieb gestern die Hamburger Oma im Whats app Chat, was denn ihre Enkelkinder so machen (Übersetzt heisst das: warum meldet sich nie einer..?) und während drei gar nicht zurückschrieben und in einem Fall nur die Schwiegertochter (ich), schrieb zumindest eine Enkeltochter, wie sehr sie unter Wasser sei mit der Schule. In Hamburg scheint seit Ausbruch von Corona die Sonne. Nicht EIN wolkenverhangener Tag und wir sitzen drinnen und arbeiten- stundenlang. Verrückt. Wahrscheinlich erkennen wir das Ende der Pandemie daran, dass der Regen wieder einsetzt.

Unsere Babysitterin, meine Mutter, meine Schwester, alles Menschen, die momentan allein oder fast alleine in ihren Wohnungen sitzen und denen die Tage endlos einsam erscheinen müssen. Und gleichzeitig tobt in Kinderhaushalten der Lernstress. Irgendwas läuft schief.

Schön war diese Woche die überwältigende Resonanz zu meiner Sehnsucht nach Blumen. Montag unterstützte ich meinen örtlichen Blumenhändler und bestellte mir einen Osterstrauss, weil ich ohne Blumen nicht in Quarantäne leben wollte. Dienstag stand Blume 2000 vor der Tür, weil meine geliebte Mutter den Ruf gehört hatte und mir wunderbare Tulpen aus München (also nicht die Tulpen aus München, sonder sie in München) schickte. Heute stand wieder eine ziemlich verschreckte Blumenkurierin vor meiner Tür, die sehr viel Sicherheitsabstand hielt und mir die Blumen beinahe hinwarf. Ich war mir sicher, dass es sich um eine Verwechslung handeln musste, aber nein sie waren auch für mich. Eine meiner ältesten Freundinnen bedankte sich auf dem Weg für die von mir gelieferte heissbegehrte Masken, die sie so dringend braucht, wenn sie zu einer Krankheitstherapie muss. Nun habe ich – glaube ich genug Blumen.

Einer von dreien…
Nummer 2

Nicht alles ist schlecht, also ausser dem Thema Schule, sonst schlagen wir uns ganz gut. Die Kinder haben sich im Garten einen Hindernis Parcours aufgebaut, mit dem sie ihr „Cardio“ Programm bewältigen.

Ab und zu spielt jemand mit mir Tischtennis und gestern Abend haben wir sogar mit einem Freund im Garten ein Bier getrunken. Er an der einen Seite der Tischtennisplatte und wir an der anderen. Toll war das, richtig gut.

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