Wo ist eigentlich der gute, alte Respekt vor Erwachsenen geblieben?

 

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Neulich bei uns an der Haustür. Es klingelt und eine der Nachbarsfreundinnen steht vor der Tür. Ohne viele Worte – also sagen wir ohne EIN Wort- drängelt sie sich an mir vorbei und rennt zu den Kindern hoch. Ich rufe ihr hinterher: „Hallo Ines, wie schön dich zu sehen, ja mir geht es auch gut.“ Doch meine Ironie verpufft im Nichts.

Der Sohn einer Freundin murmelt an guten Tagen so etwas wie „MhmmmHallo“ in unseren Teppich, an schlechten begrüsst er mich gar nicht. In die Augen guckt mir eigentlich niemand mehr.

Kommt unsere Klavierlehrerin, steht mein Kind auf der obersten Treppenstufe und winkt lässig aus der Taille. Manchmal winkt sie auch nur und sagt gar nichts. Im schlimmsten Fall dreht sie sich mürrisch um und verweigert jede Begrüssung.

Während ich mich noch schäme, rede ich mir den Mund fusselig über das Händeschütteln, Menschen in die Augen gucken, sie zur Tür begleiten. Aber irgendwas läuft in dieser Generation schief. Der eine guckt es sich vom anderen ab und alle zusammen sind der Meinung: Erwachsene und Kinder sind gleich. Wenn also Kinder sich schon nicht richtig begrüssen, dann müssen sie das mit uns ja auch nicht machen, oder?

Was mich daran wahnsinnig stört ist, dass ich ganz anders erzogen wurde. Erwachsene waren für mich Halb-Götter, die generell Recht hatten – also zumindest bis ich etwa 13 oder 14 war. Ich schwieg, wenn sie sprachen und sprach, wenn sie schwiegen. Und mit mir eine ganze Generation Kinder. Ich gehe mal davon aus, dass wir alle nicht so  traumatisiert aus dieser Erfahrung hervorgegangen sind, dass wir das unbedingt ändern wollten und trotzdem haben unsere Kinder nicht den Respekt vor Älteren, den ich mir wünschen würde.

Als vor einiger Zeit einmal meine Mutter zu Besuch war, sassen wir beide in der Küche und unterhielten uns. Auf einmal kam eine damals 7 jährige Freundin meiner Tochter herein. Ohne grossartig Notiz von der fast 80-jährigen Dame und ihrer erwachsenen Tochter zu nehmen, spazierte sie auf unseren Kühlschrank zu und murmelte etwas, was so klang, wie „ich habe noch Hunger“. Sie öffnete den Kühlschrank, holte sich einige Babybels heraus und verliess sehr zufrieden die Küche. Zurück liess sie 2 sprachlose Menschen, die sich fragten, was das Mittel gegen so viel Selbstbewusstsein ist. Denn das ist es doch, oder? Unsere Kinder werden im Glauben erzogen, sie seien die Besten. Und die Besten müssen sich natürlich auch nicht anpassen oder unterordnen.

Als eines meiner Kinder neulich Ärger mit seinem Tennislehrer hatte und eine Weile zur Strafe auf der Bank sitzen sollte, beschloss es, sich das nicht bieten zu lassen. Als er sie aufforderte wieder mitzuspielen, wechselte meine Tochter die Bank und drehte ihm beleidigt den Rücken zu. Mir platzte an dem Tag der Kragen. Seitdem wird hier viel diskutiert über Respekt und Benehmen und auch über die Fähigkeit Fehler zu machen und sich dafür zu entschuldigen. Manchen Kindern fallen diese Dinge wahnsinnig leicht, manchen schwerer. In unserem Fall habe ich von beiden etwas und muss nun eben der einen helfen, dass es besser wird.

Was unsere Hausgäste betrifft, halte ich es zur Zeit so, dass ich auch fremden Kindern sage: „Stop. Bleib stehen. Sag erst einmal guten Tag.“ Das ist in den Augen meiner Kinder selbstverständlich wahnsinnig unhöflich und spiessig, aber mir geht es besser. Die Macht über meinen Kühlschrank habe ich mir auch wieder zurückgeholt. Wer essen will, soll fragen und sich dann zu mir setzen (alte Babybel Papiere unter Kinderbetten sind auch wirklich zu eklig).

Für den Rest gilt der alte, aber schöne Satz: Ober sticht Unter. Versteht zwar keiner von denen, aber ich könnte mich trotzdem jedesmal wieder totlachen, wenn sie mich danach mit grossen Augen anschauen. Es ist eben ein langer Weg zum Erwachsenwerden, auch wenn man das perfekte Kinder der 2-tausender Generation ist.

 

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