Wie wir von heute auf Morgen zu einer Allergie-Familie wurden und unser ganzes „Essleben umgekrempelt wurde

Unsere Allergiesnacks

Unsere Allergiesnacks

Letztes Jahr im August war die Welt noch in Ordnung. Wir assen, was wir wollten, konnten jederzeit an JEDER Bäckerei halten. Alles war gut.

Anfang September veränderte sich unser Leben und es begann ganz langsam, schleichend. Erst hatte Victoria permanent Schnupfen. Es gab keine Pausen mehr und ich wurde schon zickig, wenn ich sie 5 Minuten barfuss durch das Haus laufen sah. Aber für alles gab es eine Erklärung. Der ständige Zug, der Kindergeburtstag im Freien, unser Umzug. Doch irgendwann wurde aus dem Schnupfen mehr. Victoria begann permanent auf die Toilette zu gehen. Nicht 2 oder 3 Mal, sondern 15,20 Mal, manchmal sogar noch mehr – vor allem abends. Dazu hatte sie Wutanfälle wie seit Jahren nicht mehr, für eine 5 jährige eigentlich ungewöhnlich. Wir gingen zum Kinderarzt, liessen ihr Urin testen. Einmal, zweimal, dreimal. Dazu muss man sagen, dass natürlich auch der Kindergarten immer wieder mahnte, etwas stimme nicht. Ob sie eine Blasenentzündung habe, ob psychisch etwas nicht in Ordnung sei. Ich weiss nicht, wie es anderen Mütter in solchen Situationen geht, aber ich ziehe mir grundsätzlich JEDEN Stiefel an. Ich war mir sicher, dass mein armes Kind durch den Stress der monatelangen Renovierung und des Umzugs einen Toilettentick entwickelt hätte. Die Telefonnummer des Therapeuten der für solche Störungen bei Kindern DER BESTE sein sollte klebte bereits am Kühlschrank.

Nur mein Mann hielt mich davon ab dort anzurufen. Immer wieder sagte er, es müsse einen Grund geben. Da hatten wir den Höhepunkt allerdings noch nicht erreicht. Mitte Oktober kam zu dem Toilettenproblem ein weiteres dazu. Victoria schrie vor Schmerz auf der Toilette. Sie hatte zwischenzeitlich solche Angst, dass sie aufhörte zu trinken, damit sie nicht mehr Pipi machen musste.

In der Kinderklinik wurde wieder nichts gefunden. Ich wurde ermahnt, meinem Kind mehr zu trinken zu geben und wusste es war sinnlos, wenn sie nicht wollte.

Ich geriet in eine Verzweiflung wie ich sie selten hatte. Dein Kind weint und schreit vor Schmerz. Der Kindergarten macht Druck. Die Untersuchungen ergeben NICHTS. Abend für Abend ist das zu Bett gehen die Hölle. Nachts wirst du mehrfach geweckt, weil die Nase zu ist oder der nächste Toilettengang fällig.

Als es schon kaum noch auszuhalten war, traf ich eines Tages eine andere Mutter, der ich von unseren Problemen erzählte und dass ich nicht mehr weiterwüsste. Und da erstmals fiel das Wort Allergie. Ihre Tochter hatte eine Allergie, die sich nur auf die Schleimhäute legte. Und auch bei A. brannte es. Erst lachte ich sie aus. Da Valentina eine Gluten-und Lactoseallergie hat, dachte ich wir wüssten alles darüber. Trockene Haut, ja. Bauchweh auch. Aber Schmerzen beim Wasserlassen???

Trotzdem wer verzweifelt ist sucht Lösungen und so machten wir den Test. Und…BINGO. Weizenallergie, tierische Milch. Beides Stufe 6. Ich muss gestehen, am Anfang stand ich da und wusste gar nicht mehr was ich kochen sollte. Unsere Wochenmahlzeiten lesen sich wie eine Liste aus Weizen, Weizen und wieder Weizen. Spaghetti Bolognese, Pfannkuchen, Fischstäbchen, Chicken Mc Nuggets, Maultaschen. Doch nach etlichen stundenlangen Sitzungen im Internet war ich überzeugt keinen Millimeter mehr abzuweichen. Die Weizen-allergikerseiten sprachen von genau den Problemen, die wir – wenn wir ehrlich waren – schon viel länger kannten und nie ernst genommen hatten: Schlafstörungen, enorme Stimmungsschwankungen, Probleme beim Wasserlassen, teilweise starke soziale Probleme (ich hatte mich zwischenzeitlich schon gefragt ob Victoria unter einer leichten Form von Autismus leiden könnten und NEIN, das ist kein Scherz).

Anfang Januar legte ich los und wurde zum Allergieprofi. Weizen wurde erst durch Dinkel später durch Kamut ersetzt (die Pfannkuchen schmecken super). Zu Kindergeburtstagen brachten wir unsere eigenen Sachen mit (Kuchen mit Sojamilch und Dinkel). Beim Brot waren wir anfangs noch am Suchen, aber auch da hatten wir schnell leckere Alternativen gefunden. Nach einer Woche radikaler Essenumstellung ging es Victoria erstmals besser und ich hätte weinen können vor Glück. Entscheidender aber war und ist es, dass unser Kind nicht nur schmerz- und beschwerdefrei lebt, sondern, dass sich ihr ganzes Wesen verändert hat. Sie hat Freunde gewonnen, sie steht sich nicht mehr im Weg wie früher. Sie schläft durch. Sie läuft lachend und mutig durchs Leben. Das alles wegen einer Allergie? Wir werden es nie eindeutig wissen, was inwiefern für welchen Teil verantwortlich ist, aber Hauptsache ist: es geht ihr gut und seitdem geht es uns gut. Ich musste lernen, wie sehr Nahrung einen Menschen verändern kann und achte seitdem mehr denn je darauf, was wir alle essen.

Inzwischen sind knapp 5 Monate vergangen. Eine Bio-Resonanztherapie beim Kinderarzt haben wir zusätzlich gemacht und ab zu darf Victoria nun auch mal etwas mit Weizen probieren. Milch trinkt sie schon ganz lange wieder. Wie ich es vermutet hatte, war es in erster Linie der Weizen, der ihrem Körper zu schaffen macht. Wir sind überrascht wie sehr sich unser Blickfeld in Supermärkten und auf Reisen geöffnet hat. Überall werden glutenfreie Mahlzeiten angeboten, in Spanien durfte Victoria glutenfreie Nudeln haben. Und selbst in Rom standen in den Fenstern der Restaurants Schilder, „Senza Glutine!“ Sie hat zwar keine Glutenallergie, aber auf dem Weg können wir zumindest sicher sein, dass kein Weizen enthalten ist. Sie selbst ist bei der ganzen Geschichte übrigens die Strengste. Nicht ein einziges Mal hat sie heimlich auf Kindergeburtstagen genascht. Wenn ihr jemand etwas „Verbotenes“ anbietet lehnt sie höflich ab. Sie weiss, es geht ihr endlich gut.

Morgen, in Teil 2. Wie ich Hamburgs Supermärkte durchkämmte, um meine Gourmet-Tochter wieder glücklich zu machen und dadurch zum Ernährungsprofi wurde und warum eine Lesebrille sinnvoll ist, wenn man Inhaltsstoffe durchlesen will…..

 

 

 

 

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