nous sommes Charlie – auch meine Töchter

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Es war der Tag nach dem schrecklichen Attentat auf Charlie Hebdo, als mich meine Tochter nach oben rief. Nachdenklich sass sie im Badezimmer und sagte, du Mama, ich weiss jetzt warum du mich gestern nicht vor den Fernseher gelassen hast und so wütend geworden bist. Ich tat natürlich so, als ob ich völlig ahnungslos sei, bis sie mir erklärte, dass ihre Lehrerin sie heute über alles aufgeklärt hätte. Über die bösen Männer, die einfach alle erschossen hätten…Und…ja und? Was die Lehrerin nur angeschnitten hatte, weil ein Junge eine Frage dazu gestellt hatte, blieb nun an mir hängen und nichts war je schwerer als das. Wie erklärt man seinen Kindern etwas, was man selber noch nicht richtig verstanden hat, was emotional und politisch so eine grosse Tragweite hat, dass es einem Erwachsenen Angst macht? Ich war ratlos und stumm und versuchte es irgendwann mit den einfachsten Worten. Doch seitdem ist die Diskussion nicht mehr abgerissen, denn die Kinder wollen nun alles über Moslems, Mohammed und Gott wissen und bringen dabei Dinge auf verheerende Weise durcheinander. „Werden nun auch Männer in unsere Klasse kommen und uns alle erschiessen, weil wir nicht an Mohammed glauben?“ „Es gibt doch nur einen Gott und der ist unser Gott, der liebe Gott, oder?“ „Sind alle Moslems böse?“ “ Was will dieser Mohammed?“ Manchmal wünschte ich, wir könnten uns eine Weile einschliessen, damit die Kinder nicht irgendwelche wahnsinnig netten Freunde von uns mit ihren unbedachten Worten verletzen oder einfach nur ihre nichtsahnenden ebenso kleinen Mitschüler. Denn anders als an deutschen Schulen haben wir die gleiche multikulturelle Mischung wie in Frankreich. Das heisst meine Kinder gehen mit Algeriern, Marokkanern, Tunesiern und Iranern in eine Klasse. Wie also erklärt man ihnen, dass Moslems nicht böse sind und Christen nicht immer gut. Ich habe es versucht damit zu sagen, die beiden Attentäter seien verrückt gewesen. Ich dachte ernsthaft damit sei es getan und das Thema würde sich – da wir in Deutschland wohnen – von selbst erledigen. Doch diese Woche schrieb uns der Schulleiter eine Email, dass wir zu erhöhter Wachsamkeit aufgerufen werden. Augen auf vor Menschen, die nicht an unsere Schule gehören oder Situationen, die uns seltsam erschienen. Klassenfahrten auf die Ile de France (Grossraum Paris) würden ERST EINMAL nicht mehr stattfinden und die Zugänge zur Schule blieben gut versperrt ausserhalb der morgendlichen und mittäglichen Öffnungszeiten. Charlie Hebdo hat uns also auch erreicht. Unsere Freunde, unsere kleinen Kinder und unser Leben. Was ich mir wirklich wünsche, ist dass die Kinder so unbedarft bleiben, wie sie bisher waren. Dass sie nicht auf einmal anfangen in Religionen zu denken und andere ausgrenzen, weil sie denken, sie hätten irgendetwas verstanden was so nicht stimmt. Sie verstehen nicht warum Papa auf einmal ganz traurig alle seine alten Karikatur-Hefte von Wolinski rausholt und Stunden vor France 2 verbringt. Und sie verstehen noch weniger, warum alle Welt auf einmal von Charlie spricht. Das ist im Grunde das einzig Witzige an diesem ganzen schrecklichen Geschehen. Dass meine kleine Tochter, eine Woche nach dem Attentat ihren Schmuseschal Charlie genannt hat. Als ich sie fragte warum, sagte sie: Alle Welt spricht von Charlie, also ist das ein guter Name für meinen Schal. Dem hatte ich ausnahmsweise einmal nichts hinzuzufügen.

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